Zeitbild Wissen: Kernenergie - Die Situation in Deutschland - page 22

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Zeitbild Wissen
Deutschland hat beschlossen, aus der
Nutzung der Kernenergie auszustei-
gen. Wozu brauchen wir dann eigent-
lich noch Forschung auf diesem Ge-
biet?
Auch wenn alle Kernkraftwerke in
zehn Jahren abgeschaltet sein werden,
müssen wir uns weiter mit der Kerntech-
nik beschäftigen. Da ist zum einen die
Entsorgung der radioaktiven Abfälle und
die Frage des Endlagers, die gelöst werden
muss. Dann sollen die Kernkraftwerke
zurückgebaut werden, dazu braucht es
natürlich Spezialisten, die die Reaktoren
kennen und bewerten können. Und auch
der Strahlenschutz spielt beim Rückbau,
der Endlagerung und in der Nuklear-
medizin eine wichtige Rolle. Ich fürchte
allerdings, dass es die breit angelegte, na-
tionale Reaktorsicherheitsforschung in 10
bis 15 Jahren in Deutschland wohl nicht
mehr geben wird.
Aber die wird doch auch nicht mehr
benötigt...
... was so nicht stimmt! Um uns he-
rum in Europa, auch weltweit, geht die
Entwicklung weiter. Deutschland wird
auch in Zukunft als Mitglied internatio-
naler Gremien oder in Kommissionen
über Fragen der nuklearen Sicherheit
mitentscheiden müssen. Die Bundesre-
gierung, die Ministerien und die Geneh-
migungsbehörden benötigen dazu eigene
Fachkräfte und fachliche Beratung. Das
Berufsbild eines reinen Kerntechnikers in
Deutschland wird der heute in der Aus-
bildung stehenden jungen Generation von
Ingenieuren aber nur schwer zu vermit-
teln sein.
Was genau wird denn im Bereich der
Kernenergie in Deutschland erforscht?
Im Bereich der nuklearen Entsorgung,
des Strahlenschutzes und der Strahlen-
medizin müssen wir in Deutschland
auch langfristig forschen. Dazu kommt
die Behandlung von radioaktiven Abfäl-
len, zum Beispiel die Umwandlung lang-
lebiger Nuklide mittels sogenannter P+T-
Verfahren. Ein anderes Beispiel ist das in
Deutschland entwickelte Entscheidungs-
hilfesystem RODOS, eine Software, die
die Ausbreitung von Radioaktivität und
notwendige
Katastrophenschutzmaß-
nahmen berechnet. Dieses System wurde
auf die Situation in Fukushima, Japan,
umgeschrieben und half den Behörden
bei wichtigen Entscheidungen, etwa über
Evakuierungen.
Dieses System fand aber auch bei der
Berechnung der Ausbreitung der Asche-
wolke bei Vulkanausbrüchen Anwen-
dung. Ursprünglich in der Kerntechnik
entwickelte Expertise wird auf diese Weise
umorientiert und kann im Zuge der Ener-
giewende neu eingesetzt werden. Beispiele
sind die Flüssigmetalltechnologie für So-
larthermie, Wasserstoff-Sicherheitstech-
nologie etwa für Brennstoffzellen und
Wasserstofftanks in der Mobilität oder die
Forschung für Hochtemperatur-Energie-
materialien.
Was antworten Sie denn jungen Leu-
ten auf die Frage, ob sie jetzt über-
haupt noch ein Fach studieren sollten,
das mit Kernenergie zu tun hat?
Wer sich gezielt für Kernphysik oder
Radiochemie interessiert, der sollte diese
Fächer auch studieren, denn die Betäti-
gungsfelder im In- und Ausland sind groß
und im späteren Berufsleben keineswegs
auf Kernenergie beschränkt. Die Nach-
frage nach Energietechnik-Fachleuten
wird weiter anhalten, im Bereich Reak-
tortechnik wird sie in Deutschland jedoch
über kurz oder lang verschwinden. Wer in
diesem Bereich arbeiten will, wird das im
Ausland tun. Deshalb interessieren sich
auch besonders viele ausländische Studie-
rende für diese Ausbildung bei uns, denn
deutsche Universitäten sind auf diesem
Gebiet heute weltweit führend.
Was die Jobchancen betrifft – nun,
Ingenieure werden in allen Bereichen
händeringend gesucht! Wir sind eine In-
genieurnation, und das wird auch so
bleiben. Eine gute, breit angelegte Aus-
bildung, sei es zum Beispiel in der Elek-
trotechnik, in der Verfahrenstechnik oder
im Maschinenbau, ist die beste Grund-
lage. Damit kann man sich später auf
Erneuerbare Energien, konventionelle
Kraftwerkstechnik oder Kerntechnik spe-
zialisieren – und die Tätigkeitsbereiche
im Berufsleben auch wechseln. Das gehört
heute selbstverständlich dazu, ebenso wie
eine Berufstätigkeit im Ausland.
Ausgewählte Universitäten
und Hochschulen
• RWTH Aachen (Prof. Allelein)
• Universität Stuttgart
(Prof. Starflinger)
• Technische Universität München
(Prof. Macian)
• Ruhruniversität Bochum
(Prof. Koch)
• Technische Universität Dresden
(Prof. Hurtado)
Ausgewählte Forschungs-
einrichtungen
• Karlsruher Institut für Technologie
(KIT)
• Helmholtz-Zentrum Dresden-
Rossendorf (HZDR)
• Forschungszentrum Jülich (FZJ)
Joachim Knebel ist seit Oktober 2010 Chief Science Officer im Karls-
ruher Institut für Technologie (KIT). Er studierte Maschinenbau und
wurde 2002 zum Leiter des Programms »Nukleare Sicherheitsfor-
schung« am KIT sowie Sprecher des gleichnamigen Programms in der
Helmholtz-Gemeinschaft berufen. Er ist Autor oder Koautor von mehr
als 100 wissenschaftlichen Publikationen sowie Organisator zahlreicher
Konferenzen und internationaler Forschungsprojekte im Bereich Kern-
energie. Am KIT ist er für die Fakultät für Elektrotechnik und Informa-
tionstechnik zuständig sowie für das KIT-Zentrum Mobilitätssysteme.
„Wir sind eine Ingenieurnation”
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