Timm: Ausstieg aus der Kernenergie ist fatale Fehlentscheidung

Berlin, 11.05.2000

Als eine "fatale Fehlentscheidung" hat der Vorstandssprecher der Hamburgischen Elektricitäts-Werke (HEW), Manfred Timm, die politisch geplante Abschaltung von deutschen Kernkraftwerken auf einer Veranstaltung des Deutschen Atomforums heute (11. Mai) in Berlin bewertet. "Es wäre weitaus sinnvoller, den Betreibern die Entscheidung zu überlassen, wann sie ihre Anlagen im Wettbewerbsumfeld aus ökonomischen Gründen still legen müssen", sagte Timm und fügte an:" Dieses Vorgehen wäre nicht als Kapitulation vor den EVU zu verstehen, sondern als normaler Vorgang innerhalb eines funktionierenden freien Wirtschaftssystems." Timm meinte weiter, dass dieses Vorgehen auch keiner Entscheidung für die Ewigkeit entspreche, sondern es nur eine Option auf eine klima- und umweltschonende Energieversorgung weiterhin offen halte, "bis eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative gefunden ist".

Anhand der Betriebskosten verdeutlichte Manfred Timm die wirtschaftliche Bedeutung der Kernkraftwerke bei der Elektrizitätsversorgung Deutschlands und die damit verbundenen Vorteile im Wettbewerb für die Betreiber. "Gerade die niedrigen Brennstoffkosten eröffnen den Unternehmen die Chance, die Kernkraftwerke als strategische Waffe im Wettbewerb einzusetzen, da Brennstoffzuwachskosten von lediglich 1 Pf/kWh von anderen Kraftwerken nicht erreicht werden. Somit käme es einem massiven Eingriff in die Wettbewerbsfähigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten der betroffenen Unternehmen gleich, würde man das schärfste Schwert durch staatlichen Eingriff und politische Vorgaben aufgeben müssen. Betriebs- und volkswirtschaftlich ist eine solche willkürliche Kapitalvernichtung nicht zu verantworten", erklärte der HEW-Chef. "Die variablen Betriebskosten aller Kernkraftwerke unterbieten sämtliche weiteren Typen von Wärme kraftwerken." Timms Fazit: "Aus wirtschaftlicher Sicht kann gegenwärtig nur die Abschaltung teurer ölgefeuerter Anlagen und Gasturbinen sinnvoll sein."

Durch einen Wegfall der Kernenergie in Deutschland würden Stromimporte aus dem Ausland zunehmen, da die Bundesregierung bisher kein schlüssiges Rezept zum Ersatz des Kernenergiestroms habe aufzeigen können, prognostizierte Timm: "Frankreich, Italien, Polen und die Schweiz besitzen Überkapazitäten, die sie im Bedarfsfall zur Deckung des Bedarfs in Deutschland kostengünstig einsetzen können. Dass es sich bei den Importen um Strom aus kerntechnische Anlagen wie in Frankreich und Osteuropa handelt, oder auch um Kohlekraftwerke, die unseren Sicherheits- und Umweltstandards nicht genügen, sollte unbestritten sein. Somit unterstützt eine solche Politik den Fortbestand der Kernenergie in anderen Ländern, indem sie den Absatz dieser Anlage erhöht und die wirtschaftliche Basis verbessert. Zu verhindern ist ein solcher Import aufgrund der geltenden Europäischen Energiecharta und der WTO-Regeln zum freien Warenverkehr nicht. Und warum sollten diese Länder dann dem deutschen Beispiel eines Ausstiegs folgen?", fragteTimm. Hinzu kämen die vorhandenen Leistungen aus Kernkraftwerken sowjetischer Bauart mit den bekannten Sicherheitsmängeln, die zu sehr niedrigen Preisen produzieren können.

Am Beispiel der Vereinigten Staaten veranschaulichte Timm, wie sich die Kernenergie auch unter hohem Kostendruck und gegen starke Konkurrenz, nicht zuletzt gegen gasbefeuerte Kraftwerke, bewähren und durchsetzen kann. Da Kernkraftwerke eine wertvolle Option im Erzeugungsmarkt darstellten und kostengünstig eingesetzt werden können, seien in den USA "schon für fünf Anlagen Anträge zur Verlängerung der Betriebsgenehmigungen von 40 auf 60 Jahre gestellt worden", führte Timm aus. "Für weitere 19 wird ein solcher Antrag erwartet". Der HEW-Vorstandssprecher merkte hierzu an, dass die Betriebsgenehmigungen für deutsche Kernkraftwerke unbefristet gelten. Und er sagte weiter: "Die erwarteten notwendigen Investitionskosten pro kW in den bereitsabgeschriebenen Kernkraftwerken liegen um eine (!) Größenordnung niedriger als die Neubaukosten für fossile Kapazitäten, nämlich bei 50$/kW gegenüber 450 bis 500 $/kW ". Timm hält deshalb eine Renaissance der Kernenergie in Deutschland in einigen Jahren für durchaus denkbar.

Wenn Ihnen diese Seite gefallen hat, empfehlen Sie uns doch weiter:


Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen