Deutschlands Kerntechnik braucht Nachwuchskräfte

Berlin, 23.05.2000

Deutschland muß seine Anstrengungen zum Erhalt der Kompetenz in der Kerntechnik verbessern. Die Bundesregierung wie die Wirtschaft seien gleichermaßen gefordert, erklärte Professor Manfred Popp, Leiter des Forschungszentrums Karlsruhe, heute (23. Mai) auf der JAHRESTAGUNGKERNTECHNIK 2000 in Bonn.

"Eine komplexe Technologie mit hohen Sicherheitsrisiken wie die Kerntechnik bedarf während der Zeit ihrer Anwendung eines wissenschaftlichen Unterbaus", sagte Popp. "Dies gebietet schon die Orientierung des Atomgesetzes am Stand von Wissenschaft und Technik, dessen internationales Voranschreiten auch durch einen deutschen Ausstieg aus der Kernenergie nicht aufgehalten würde."

Professor Popp erklärte weiter: "Die Zukunft der Kerntechnik ist offen - auch in Deutschland. Keine Parlamentsmehrheit und keine Regierung kann in einer Demokratie ausschließen, dass ihre Politik von nachfolgenden Mehrheiten und Regierungen revidiert wird. Die Restlaufzeiten der vorhandenen Kernkraftwerke in Deutschland, egal wie sie jetzt im Einzelnen vereinbart werden mögen, sind in jedem Falle nicht so kurz, als dass nicht während ihrer Zeit gravierende Veränderungen auf den Weltenergiemärkten stattfinden könnten. Eigentlich müsste es sogar das Ziel einer verantwortungsbewussten Politik sein, künftigen Generationen derartige Optionen offen zuhalten", meinte er. Selbst bei einem Ausstiegsszenario sei der Bedarf für eine weitere Generation an Wissenschaftlern und Technikern in der Kerntechnik gegeben.

"Der bevorstehende Generationswechsel in der kerntechnischen Forschung stelle ein besonderes Problem in Bezug auf den Kompetenzerhalt dar. "Die Altersstruktur des gegenwärtigen Personalszeigt, dass ein großer Teil der Expertise in wenigen Jahren verloren sein wird. Um so mehr kommt es also auf die Pflege des Kompetenzerhaltes gerade in den nächsten Jahren an mit dem Ziel, möglichst vielen jungen Nachwuchskräften über die Befassung mitfortschrittlichen Themen auch möglichst viel von den Erfahrungen der älteren Generation mitgeben zu können", sagte Professor Popp. Die Zahl der Studienanfänger in den Fachbereichen Elektrotechnik und Maschinenbau/Verfahrenstechnik, die die klassischen Eingangsstudiengänge auch für die Kerntechnik sind, sei "dramatisch abgefallen", sagte der Wissenschaftler. "Dieser starke Abfall der Studentenanfänger-Generation wurde ausgelöst durch die Konjunkturflaute Anfang der neunziger Jahre, als die Industrie über mehrere Jahre kaum Nachwuchskräfte einstellte. Inzwischen hat sich das Blatt grundlegend gewandelt, und die Nachfrage der Industrie übersteigt die Zahl der Studienabsolventen bei weitem, ohne dass sich die Zahl der Studienanfänger wirklich wieder erholt hätte. Die Suche nach Nachwuchs für die Kerntechnik steht deshalb in scharfer Konkurrenz zur Nachfragenach jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren aus anderen Fachdisziplinen. Es ist evident, dass in dieser Lage der Gewinn von Nachwuchs für die Kerntechnik angesichts des politischen Klimas in unserem Landebesonders problematisch ist. Diese Entwicklung ist wirklich geeignet, zu großen Sorgen Anlass zu geben", stellte Professor Manfred Popp fest.

"Die Bemühungen um die Sicherung von wissenschaftlichen Ausbildungskapazitäten für kerntechnischen Nachwuchs fänden aber auch "leider durch einige Energieversorgungsunternehmen" (EVU) nicht die gewünschte Unterstützung, da die EVUs "kein ausreichendes Interesse ander Ausbildung fachspezifischen Nachwuchses zeigen", sagte Professor Popp und appellierte: "Die wissenschaftlichen Organisationen in Deutschland würden es sich wünschen, dass ihre ohnehin schwierige Stellung gegenüber der sie finanzierenden Bundesregierung durch die Wirtschaft stärker unterstützt würde. Es muss unser gemeinsames Ziel sein, ein Höchstmaß an kerntechnischer Kompetenz in Deutschland sicherzustellen."

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