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Wolfgang Däuwel im Interview mit kernenergie.de über kerntechnische Sicherheit in Deutschland und weltweit

Juni 2016


Wolfgang Däuwel
Wolfgang Däuwel

Wolfgang Däuwel ist Physiker und seit 1990 für AREVA beziehungsweise die Vorgängerunternehmen Siemens und KWU tätig. Er arbeitete unter anderem an regelmäßigen Sicherheitsüberprüfungen von Kernkraftwerken mit und entwickelte die werkstoffwissenschaftlichen Labore auf dem Forschungsgelände in Erlangen weiter. Seit 2011 leitet er alle technischen Prüfeinrichtungen und Teststände, das sogenannte „Technical Center“, von AREVA weltweit. Darüber hinaus ist Däuwel seit 2013 Standort- und Betriebsleiter des AREVA-Standorts Erlangen.

Als Konsequenz aus dem Unfall von Fukushima wurden in vielen Ländern kerntechnische Sicherheitsstandards erhöht und internationale Standards verschärft. Auch die Nukleare Sicherheitskonvention soll ergänzt werden. Worum geht es dabei und welche Konsequenzen hat das konkret für die technischen Sicherheitsanforderungen an bestehende und neu zu errichtende Kernkraftwerke?

Die Branche hat weltweit Lehren aus Fukushima gezogen. Unter anderem ist danach der Begriff der Robustheit intensiver diskutiert worden. Hier geht es, vereinfacht gesagt, um zusätzliche Sicherheitsmargen, wenn Ereignisse über die Auslegung einer Anlage hinausgehen. Dabei liegt das Augenmerk auf zusätzlichen technischen Komponenten in den Anlagen, auf mobilen Geräten etwa für die Kühlung, aber auch auf der Weiterentwicklung von Handlungsanweisungen und Notfallplänen für solche Situationen. All diese Handlungsfelder sind eine sinnvolle Ergänzung, aber keineswegs ein Ersatz für die klassische kerntechnische Sicherheitsphilosophie, solche Ereignisse von vornherein im Rahmen einer richtigen Auslegung und eines sicheren Betriebs auszuschließen.

Weltweit haben die entsprechenden Untersuchungen und Analysen dazu geführt, die bestehenden Kernkraftwerke nachzurüsten. Auch die laufenden Neubauprojekte wurden nach Fukushima erneut analysiert. Hier gab es aber praktisch keinen Anpassungsbedarf, da insbesondere die Generation-III-Kernkraftwerke wie der EPR von AREVA bereits ein sehr hohes Sicherheitsniveau aufwiesen.

Wo steht Deutschland dabei, wie ist der Sicherheitsstandard deutscher Anlagen und was hat die kerntechnische Industrie in Deutschland zu bieten? Ist unser Know-how relevant für die internationale nukleare Sicherheit?

In Deutschland gab es eine umfangreiche Untersuchung der Reaktorsicherheitskommission, die eindeutig festgestellt hat, dass die deutschen Anlagen ein hohes Maß an Sicherheitsreserven aufweisen – auch die 2011 bereits abgeschalteten. Darüber hinaus hat die Europäische Union im Rahmen ihres sogenannten Stresstests alle europäischen Kernkraftwerke untersucht. Auch in dieser Bewertung haben die deutschen Kernkraftwerke durchweg gute, weit überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt.

Das hat nach meiner Einschätzung auch damit zu tun, dass es in Deutschland immer eine besonders kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Kernkraft gegeben hat. Nach 2011 konnten wir bei AREVA viele Sicherheitsnachrüstungen exportieren, die in Deutschland bereits vor Fukushima entwickelt und installiert wurden und so einen Beitrag leisten, Kernkraftwerke weltweit sicherer zu machen. Als Beispiel möchte ich unsere Filtersysteme für das Containment nennen, das wir seitdem in mehr als 50 Reaktoren weltweit nachgerüstet haben, nachdem es in Deutschland bereits lange vor 2011 Standard war. Ähnliches gilt für die Rekombinatoren. Das sind Komponenten, die Wasserstoffexplosionen im Containment verhindern. Hier haben wir etwa 100 Projekte umgesetzt.

International gelten 60 Jahre als Zielwert für die Laufzeit von Leichtwasserreaktoren als Stand der Technik. In Deutschland werden nach 33 Jahren Betrieb die letzten Anlagen im Jahr 2022 abgeschaltet. Lässt sich die kerntechnische Kompetenz in Deutschland dennoch langfristig erhalten, für nationale und internationale Aufgaben in den Bereichen Sicherheit und Entsorgung?

Weltweit geht der Trend in Richtung Laufzeitverlängerung. Das ist richtig. In den USA werden inzwischen sogar 80 Jahre diskutiert. Wenn Kernkraftwerke früher vom Netz gehen, wie beispielsweise in Schweden, dann geschieht das allein aus wirtschaftlichen Gründen. Der deutsche Ausstieg wegen Sicherheitsbedenken in der Politik trotz vorliegender positiver Bewertungen durch die Reaktorsicherheitskommission und die EU ist weltweit einmalig.

Diese Situation bedeutet natürlich für die deutsche Branche und im Hinblick auf den Kompetenzerhalt insgesamt eine besondere Herausforderung. Ein langfristiger Kompetenzerhalt über den Ausstieg hinaus braucht nach meiner Überzeugung zwei Standbeine: eine starke Ausbildungs- und Forschungslandschaft sowie innovative und erfolgreiche Unternehmen. Diese Unternehmen müssen wirtschaftlich funktionieren, um die Kompetenzen in der Praxis einsetzen und weiterentwickeln zu können. Das können deutsche Hersteller und Zulieferer zukünftig nur im Export.

Auch ein weiterer Aspekt sollte meiner Meinung nach in der Diskussion verstärkt Berücksichtigung finden: Wir brauchen in Deutschland auch nach dem Ausstieg eine anerkannte kerntechnische Industrie und das entsprechende Know-how, wenn wir uns weiterhin in den internationalen Gremien glaubwürdig an Diskussionen beispielsweise über Sicherheitsstandards von Kernkraftwerken beteiligen wollen.


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