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Prof. Dr.-Ing. habil. Uwe Hampel im Interview mit kernenergie.de zu den Perspektiven kerntechnischer Forschung und Lehre in Deutschland

Januar 2016


Prof. Dr.-Ing. habil. Uwe Hampel
Prof. Dr.-Ing. habil. Uwe Hampel

Prof. Dr.-Ing. habil. Uwe Hampel ist Inhaber der AREVA-Stiftungsprofessur für bildgebende Messverfahren an der Technischen Universität Dresden und Leiter der Abteilung Experimentelle Thermofluiddynamik am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf. Er ist unter anderem auch stellvertretender Sprecher des Kompetenzverbunds Kerntechnik sowie Mitglied im Governing Board der Sustainable Nuclear Energy Technology Platform (SNETP).

Deutschland wird bis 2022 aus der Kernenergie aussteigen, die derzeit ein wesentlicher Treiber für Forschung und Lehre in der Kerntechnik ist, gerade in der Reaktorsicherheitsforschung. Wohin wird nach Ihrer Meinung und der Ihrer Kollegen die Entwicklung an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen in Ihrem Fach gehen?

Die kerntechnische Ausbildung und nukleare Sicherheitsforschung an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtung ist exzellent und genießt nach wie vor eine außerordentlich hohe internationale Anerkennung. Dies ist keine Phrase. Erhebungen des Kompetenzverbunds Kerntechnik belegen, dass über 1700 Studierende in Deutschland heute kerntechnische Lehrangebote an den Hochschulen nutzen. Der in der Helmholtz-Gemeinschaft institutionalisierten nuklearen Sicherheitsforschung wurden in der jüngsten Evaluierung von einem internationalen Expertengremium Bestnoten bescheinigt. Die hohe Beteiligung deutscher Forschungseinrichtungen an internationalen Projekten der EU, OECD und IAEA sind ein weiterer Beleg dafür. Natürlich stellt sich für all diejenigen, die sich auf diesem Gebiet fachlich engagieren, die Frage, wie es nach der Außerbetriebnahme des letzten Kernkraftwerks in Deutschland im Jahr 2022 mit kerntechnischer Ausbildung und nuklearer Sicherheitsforschung weitergeht. Dies wird aus meiner Sicht ganz entscheidend davon abhängen, welche gesellschaftliche und politische Unterstützung das Thema der nuklearen Sicherheitsforschung zukünftig in Deutschland im Zentrum eines Europas mit dann etwa 190 in Betrieb befindlichen Kernreaktoren hat.

Sicher ist, dass die Bundesrepublik Deutschland umfassend und langfristig Expertise im Bereich der Entsorgungs- und Endlagerforschung benötigt. Ebenso besteht im Bereich des Rückbaus von Kernkraftwerken einiger Bedarf an der Entwicklung effizienter Technologien, zum Beispiel zur Dekontamination. Spannend ist die Frage vor allem im Bereich der Reaktorsicherheit nach 2022. Neben dem Betrieb weniger nuklearer Forschungsanlagen ist die Sicherheitsbewertung von Anlagen in angrenzenden Ländern ein wichtiges Thema. Fünf direkte Nachbarländer Deutschlands produzieren Strom aus Kernenergie, ein sechstes Land, Polen, hat den Einstieg in die nukleare Stromerzeugung beschlossen. Die Tschechische Republik wird ihre nuklearen Erzeugungskapazitäten ausbauen. Fast alle bestehenden Anlagen werden eine Laufzeitverlängerung erfahren. In Frankreich und Finnland werden neue Kernreaktortypen mit verbesserten Sicherheitseigenschaften gebaut. Einige unserer Nachbarländer werden möglicherweise zukünftig Demonstratoren für Reaktoren der Generation IV betreiben. Daher braucht Deutschland weiterhin eine Basiskompetenz zur Bewertung dieser Entwicklungen sowie zur Mitarbeit in internationalen Gremien. Ich glaube, dass der Politik dies sehr bewusst ist und so finden sich ja auch entsprechende Aussagen zum zukünftigen Bedarf an kerntechnischer Kompetenz etwa im 6. Energieforschungs-programm der Bundesregierung.

Viele der o.g. Aufgaben zur Sicherheitsbewertung eigener und ausländischer Anlagen werden heute in Deutschland von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit GRS wahrgenommen. Die Weiterentwicklung des Standes von Wissenschaft und Technik in der nuklearen Sicherheitsforschung wird dabei maßgeblich durch die Forschung in der Helmholtz-Gemeinschaft und an den Hochschulen gewährleistet. Hier findet Grundlagen- und angewandte Forschung auf höchstem Niveau statt. Hier werden modernste Rechenprogramme für die Erforschung des Verhaltens nuklearer Materialien und für Störfallsimulationen entwickelt und validiert, hier erfolgt Materialforschung in modernsten Laboren und es werden Experimente, etwa zur Thermohydraulik und zum Materialverhalten, an weltweit einzigartigen Versuchsanlagen durchgeführt. Die Basisausbildung unserer Forscher erfolgt wiederum durch die kerntechnischen Curricula unserer Hochschulen, die Teil einer vertieften Ausbildung zum Energietechnik-, Verfahrenstechnik- oder Automatisierungstechnik-Ingenieur oder zum Physiker sind. Wird diese Kette an einer Stelle geschwächt, wirkt sich dies unweigerlich auf Qualität und internationale Reputation deutscher Sachverständigenkraft aus. Ich bin daher zuversichtlich, dass ein Land wie Deutschland weiterhin auf die international anerkannten Fähigkeiten seiner Expertinnen und Experten zur Bewertung der nuklearen Sicherheit in allen Teilgebieten setzen wird. Dies erfordert eine weitere aktive Förderung eigener Forschung und der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses seitens der verantwortlichen Ministerien, sei es durch Förderprogramme zum Kompetenzerhalt und zur Nachwuchsförderung, der Unterstützung der Beteiligung an internationalen Vorhaben, der Erhaltung von Kompetenzen im Lehrbetrieb aber auch durch öffentliche Wertschätzung der geleisteten Arbeit. Ein aus meiner Sicht sehr wichtiger Punkt ist dabei die langfristige Absicherung einer kerntechnischen Basisausbildung an deutschen Hochschulen, die auf absehbare Zeit zum Studium der Energietechnik gehören muss.

Wie steht es um die Förderung? Sind hier aus Ihrer Sicht die zukünftigen Aufgaben abgesichert, oder gibt es besonderen Handlungsbedarf, allgemein oder bei einzelnen Forschungsfeldern?

Bei der Forschungsförderung muss man zunächst zwischen der institutionellen Förderung der Helmholtz-Zentren und der projektorientierten Förderung unterscheiden. Erstere erfolgt auf Basis mehrjähriger Forschungsprogramme, die sich in einem Evaluierungsverfahren kompetitiv um Programmbudgets bewerben. Aus diesen Mitteln werden Mitarbeiterstellen und Infrastrukturen finanziert. Zur Verdeutlichung: bezogen auf das Personal sind dies in der Helmholtz-Gemeinschaft ca. 160 Mitarbeiterstellen im Bereich Entsorgungsforschung und 80 Mitarbeiterstellen im Bereich Reaktorsicherheitsforschung, wobei dies Stellen von Wissenschaftlern und wissenschaftsunterstützendem Personal sind. Diese Zahlen sind dem Forschungsbedarf und Kompetenzerhalt durchaus noch angemessene Werte, allerdings auch ohne „Spielraum nach unten“, wenn eine ausreichende Abdeckung der wesentlichen Forschungsthemen gewährleistet werden soll.

Drittmittel sind vor allem an den Hochschulen oft die einzige Möglichkeit, Expertenwissen und Versuchsstände zu erhalten. Im Bereich der projektbezogenen Förderung erhalten die Forschungseinrichtungen insbesondere zusätzliche Gelder von den drei Ministerien BMU, BMBF und BMWi, aber auch aus anderen Quellen, wie EU-Programmen oder der Industrie. Hervorzuheben ist die Reaktorsicherheitsforschung des BMWi, von der neben der GRS besonders die Hochschulen profitieren, sowie die Initiative zum Kompetenzerhalt in der Kerntechnik des BMBF für die Themen Nukleare Sicherheitsforschung, Entsorgungsforschung und Strahlenforschung. Diese Mittel leisten derzeit einen sehr wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Kompetenz in Lehre und Forschung, was von meinen Fachkolleginnen und -kollegen durchgängig als besonders positiv gesehen wird, auch in Bezug auf die Wertschätzung der so geleisteten Vorsorgeforschung. Auf der anderen Seite ist die bis vor kurzem noch intensive direkte Projektförderung aus der Wirtschaft durch Kraftwerksbetreiber und Anlagenhersteller bereits heute aus erklärlichen Gründen drastisch zurückgegangen. Dieser Rückgang kann kaum durch andere Drittmittel ausgeglichen werden.

So sind beispielsweise Antragsverfahren für EU-Projekte aufwendig und hoch kompetitiv. Mehr noch, über den Erfolg von EU-Projektanträgen entscheiden neben der Reputation der Antragsteller auch deren Möglichkeiten, sogenannte in-kind contributions, wie Versuchsanlagen und Personal, mit in die Vorhaben einzubringen. Daher ist auch hier ohne nationale Koförderung auf Dauer keine nachhaltige Entwicklung möglich. In anderen Forschungsförderungsprogrammen, etwa der Bundesländer, der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder EU-Nachwuchsförderung (Marie-Curie Aktionen) sind Themen der nuklearen Sicherheitsforschung aus verschiedenen Gründen nicht förderbar.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass für die zukünftige Absicherung des Kompetenzerhalts in Lehre und Forschung maßgeblich die Förderstellen der Bundesregierung ihren Beitrag durch entsprechende Förderprogramme in ausreichendem Maße leisten müssen.

Kann ein höherer Anteil ausländischer Studierender und eine noch stärkere internationale Vernetzung bei Forschungskooperation und der Diversifizierung von Auftraggebern einen Beitrag zur Vielfalt der kerntechnischen Forschungslandschaft in Deutschland leisten?

Ich sehe diese Möglichkeit durchaus, allerdings darf man das Potenzial auch nicht überschätzen. Die nukleare Sicherheitsforschung war und ist schon immer stark international ausgerichtet, was an der großen Zahl internationaler Gremien, Organisationen sowie internationaler Gemeinschaftsprojekte und Studiengänge ablesbar ist. Auch heute ist ein großer Teil unserer Studierenden der Kerntechnik aus dem Ausland, da Deutschland hier immer noch einen sehr guten Ruf genießt. Ich sehe insbesondere die Notwendigkeit, zukünftig öffentlich geförderte Forschung, etwa im Rahmen der BMWi- und BMBF-Programme, noch stärker an internationale Vernetzung und Kooperation zu koppeln, da in Zukunft besonders die Fragestellungen der Reaktorsicherheit im Wesentlichen ausländische Anlagen und internationale Aktivitäten betreffen werden. Darüber hinaus gilt, wie in jedem Bereich der Forschung, das Kompetitivitätsprinzip. Wer die besten Referenzen, Experten und Infrastrukturen sowie ein gutes Arbeitsumfeld hat, wird bei der Vergabe von Geldern und der Gewinnung der besten Köpfe das Rennen machen. Eine ausländische Behörde, ein ausländischer Betreiber oder ein ausländischer Kraftwerkshersteller werden gern Aufträge an eine deutsche Forschungsstelle geben, wenn diese international führend ist.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um kerntechnische Forschung in Deutschland international mit Erfolg zu „verkaufen“, was sind die besonderen Stärken mit denen sich wuchern lässt, wenn es um Forschungsaufträge und die Bewerbung für Projekte geht?

Zunächst sollte in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auch nach dem Ausstieg aus der Stromerzeugung aus Kernenergie nicht vergessen werden, dass Deutschland durch exzellente Wissenschaft, Ingenieurskunst, verantwortungsvolle Gesetzgebung und effiziente Verwaltungsstrukturen eine außerordentlich hohe Sicherheitskultur entwickelt und in fast sechzig Jahren Kernkraftwerksbetrieb auch gelebt hat. Dafür ist Deutschland auf diesem Gebiet heute international hoch anerkannt. Zweitens ist es in einem kompetitiven Umfeld erforderlich, über Alleinstellungsmerkmale zu verfügen. Für die Forschung sind dies etwa erstklassige Versuchsanlagen und Labore mit innovativen Messtechniken sowie fortgeschrittene und umfassend validierte Rechenprogramme für verschiedene Teilgebiete der nuklearen Sicherheitsforschung. Ohne derartige Infrastrukturen und Werkzeuge mit Alleinstellungsmerkmal verliert man schnell international den Anschluss. Drittens müssen deutsche Forscher ihre Netzwerke aufrechterhalten. Dies bedeutet Förderung von Personal und Infrastruktur für eigene Forschungsarbeiten aber auch die Gewährleistung der Teilhabe an internationalen Entwicklungen und die Mitarbeit in Expertengremien, wofür Deutschland auch weiterhin über Experten verfügen muss. Schlussendlich lebt besonders die Ausbildung junger Ingenieure und Wissenschaftler von guten Personalstrukturen an den Hochschulen, zu der international anerkannte Lehrstuhlleiter/innen und junge, talentierte und engagierte Fachgruppenleiter/innen mit einer langfristigen Beschäftigungsperspektive in Deutschland gleichermaßen gehören.


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