• kernenergie.de
  • kernenergie.de
  • kernenergie.de
  • kernenergie.de

Jan Pauly im Interview mit kernenergie.de zu Empfehlung der SSK zu den Planungsmaßnahmen für den Notfallschutz in der Umgebung von Kernkraftwerken

Januar 2015


Jan Pauly
Jan Pauly

Die Strahlenschutzkommission (SSK) war vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit aufgefordert worden, das fachliche Regelwerk zum nuklearen Notfallschutz (Katastrophenschutz) vor dem Hintergrund des Unfalls in Fukushima zu überprüfen. Als eine der Folgemaßnahmen wurde die SSK Empfehlung zu den Planungsmaßnahmen für den Notfallschutz in der Umgebung von Kernkraftwerken beraten und anschließend veröffentlicht. Hierzu hat kernenergie.de ein Expertengespräch mit Jan Pauly, Abteilung Grundsatzfragen/Policy, Global Unit Generation der E.ON Kernkraft GmbH geführt:

Im Februar 2014 hat die Strahlenschutzkommission (SSK) Empfehlungen zu den Planungsgebieten für den Notfallschutz in der Umgebung von Kernkraftwerken vorgelegt, die als Post-Fukushima-Maßnahme zu verstehen sind. Was sind die Eckpunkte dieser Empfehlungen?

Die Empfehlung enthält eine signifikante Ausweitung der derzeit existierenden Planungsradien (Gebiete, in denen Katastrophenschutzmaßnahmen vorgeplant werden sollen), die grob eine Verdoppelung bis Vervierfachung der Radien und damit eine Vervier- bis Versechzehnfachung der betroffenen Gebiete bedeutet. Die wesentlichen Änderungen sind in der nachfolgenden Tabelle dargestellt. Direkte Auswirkungen auf die in diesen Gebieten lebenden Menschen haben die Planungsradien im normalen Leben nicht, wie es auch bereits für die alten Planungsradien galt. In den betroffenen Gebieten sollen von den lokalen Katastrophenschutzbehörden bestimmte Maßnahmen vorgeplant werden, so dass diese innerhalb vorgegebener Zeiträume zum Schutz der Bevölkerung durchgeführt werden können. Hierbei sind bisher bereits meist mehrere lokale Katastrophenschutzbehörden (i.d.R. die Landkreise) betroffen und z.T. auch mehrere Bundesländer, zukünftig wird dies durch die Vergrößerung wesentlich mehr Behörden betreffen. Die seit 1999 nahezu unverändert geltenden Richtwerte für einzelne Maßnahmen (z.B. Wert ab dem eine Evakuierung gerechtfertigt wäre, liegt bei einer Dosis von 100mSv in 7 Tagen) wurden von der SSK ebenfalls überprüft, hier wurde jedoch kein Anpassungsbedarf gesehen.


Bisher
(Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz 2008)
Neu
(SSK 2014)
Zentralzone 2 km (Evakuierung, Aufenthalt in Gebäuden, Jodtabletten (vorverteilt), Mess- und Probenahmeorte)Zentralzone 5 km (Evakuierung < 6 h, Aufenthalt in Gebäuden, Jodtabletten < 6 h, keine Angaben zu Mess- und Probenahmeorten)
Mittelzone 10 km (12 Sektoren, Maßnahmen sektorspezifisch, Evakuierung, Aufenthalt in Gebäuden, Jodtabletten (vorverteilt oder bevölkerungsnahe Lagerung), Mess- und Probenahmeorte)Mittelzone 20 km (12 Sektoren, Evakuierung < 24h, Aufenthalt in Gebäuden, Jodtabletten < 12h, keine Angaben zu Mess- und Probenahmeorten)
Außenzone 25 km (12 Sektoren, Jodtabletten (Gemeinden), Verzehrbeschränkung, Mess- und Probenahmeorte)Außenzone 100 km (Aufenthalt in Gebäuden, Jodtabletten, Verzehrbeschränkung, Messprogramme zur Feststellung der radiologischen Lage)
Fernzone 100 km (12 Sektoren, Jodtabletten für Kinder/Schwangere (zentrale Lager), VerzehrbeschränkungGesamtes Bundesgebiet (Jodtabletten für Kinder/Schwangere)



Liegen den teils erheblichen Veränderungen der Planungsgebiete, die nun empfohlen werden, nachvollziehbare fachliche Bewertungen zu Grunde?

In der Begründung der SSK-Empfehlung heißt es: „Die Festlegung des für die Notfallplanung zugrundeliegenden Unfallspektrums sollte sich nach Auffassung der SSK künftig stärker an den potenziellen Auswirkungen als an der berechneten Eintrittswahrscheinlichkeit von Unfällen orientieren.“ Eine wissenschaftliche oder technische Begründung für diese Auffassung der SSK ist in der Empfehlung jedoch nicht enthalten, zumal die SSK selbst schreibt, dass „… sich, was das Ausmaß von potenziellen Freisetzungen angeht, keine neuen Erkenntnisse aus dem Unfall in Fukushima ergeben.“ Der Begründung ist zu entnehmen, dass die SSK allein durch das Auftreten einer INES-7-Freisetzung mit entsprechenden radiologischen Folgen in Fukushima nun auch die Unterstellung einer derartigen Freisetzung in Deutschland rechtfertigt.

Diese Vorgehensweise ist wissenschaftlich äußerst fragwürdig und stellt nicht den aktuellen Stand der Methodik für Risikoanalysen, Ergebnisinterpretation und adäquater, praxistauglicher Schlussfolgerungen dar. Die Abkehr von der Berücksichtigung von Eintrittshäufigkeiten für Unfälle verkennt den unbestreitbaren Zusammenhang zwischen szenario-spezifischen Schadenshöhen und deren zugehörigen Eintrittshäufigkeiten. Kernpunkt der fachlichen Kritik ist, dass nicht begründet wird, warum es zulässig sei, das Quelltermpostulat (d.h. die Höhe und Nuklidzusammensetzung der Freisetzung) trotz seiner geringen Eintrittshäufigkeit auszuwählen.

Die der SSK-Empfehlung zugrunde liegende Systematik erscheint daher willkürlich, zumal die RSK-Sicherheitsüberprüfung und der EU-Stresstest das hohe Sicherheitsniveau deutscher Kernkraftwerke bestätigt haben. Auch die Ethikkommission hat festgestellt: „Die Risiken der Kernenergie haben sich mit Fukushima nicht verändert, wohl aber die Risikowahrnehmung“. Nur, sollte sich die Planung für den Schutz der Bevölkerung eher an der Risikowahrnehmung oder dem tatsächlichen Risiko orientieren?

Ist denn die Übertragung von Freisetzungen und Abläufen aus dem Unfall von Fukushima auf die in Deutschland betriebenen Anlagen eine sinnvolle Vorgehensweise?

Die SSK hat bezüglich der Freisetzung (der sogenannte Quellterm) ohne nachvollziehbare Begründung Anforderungen aufgestellt und damit eine Freisetzung präjudiziert: die Abdeckung des Fukushima-Quellterms und die Einbeziehung von INES-7-Ereignissen (d.h. schwerste Freisetzung, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld). Dies wurde trotz einer in Deutschland signifikant anderen Anlagentechnik und anderer Sicherheitskonzeption sowie hoher Robustheit gegenüber auslegungsüberschreitenden Szenarien unterstellt. Hier ist auch anzumerken, dass die für die Anlagentechnik fachlich zuständige Reaktorsicherheitskommission in die Beratungen nicht eingebunden wurde.

Die Anforderungen spiegeln nicht das Ergebnis einer Analyse der aktuell getroffenen Schadens- und Risikovorsorge deutscher Kernkraftwerke im Lichte der Fukushima-Erkenntnisse wider. Auch die nach Fukushima in Deutschland eingeleiteten Maßnahmen zur weiteren Risikominderung (z.B. diverse RSK-Empfehlungen und eingeleitete Betreibermaßnahmen) bleiben unberücksichtigt. Damit wird keine objektive oder nachvollziehbare Vorgehensweise gewählt, es erfolgt vielmehr eine willkürliche Setzung des Quellterms. Diese Herangehensweise ist grundsätzlich – auch wegen ihrer Anfälligkeit für Fehler und fehlerhafte Schlussfolgerungen – abzulehnen.

Zudem ist die gesetzte Abdeckung des Fukushima Quellterms insofern zu hinterfragen, als bei einem gleichartigen Unfall (Kernschmelze innerhalb Sicherheitsbehälter und Freisetzung über sog. Ventingleitung) die in allen deutschen Anlagen vorhandenen gefilterten Druckentlastungssysteme über 99,9 % der Aerosole (u.a. Cäsium) und über 90 % des Jods zurückhalten würden. Bei Einsatz solcher Systeme in Japan wären die radiologischen Auswirkungen um Größenordnungen niedriger gewesen, da die radiologischen Auswirkungen i.d.R. direkt proportional zum Quellterm sind. Die von der SSK gesetzte Anforderung, dass der zugrunde gelegte Quellterm den „Fukushima-Quellterm“ abdecken soll, ist somit technisch nicht begründbar.


Diesen Artikel...

Google+ aktivieren
Twitter aktivieren
 

Warenkorb

Ihr Warenkorb enthält a Artikel

Zwischensumme: t
zzgl. Versandkosten: t
Endsumme: t

AMNT 2017

AMNT 2017

Erklärvideo Strahlung

 
 
 
 

Mehr Infos

Kernkraftwerke - Zahlen und Fakten
Physik und Technik - Wissen für jedes Alter
 
 




  • Zum Seitenanfang
  • Drucken