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Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger: Risikobewertung unter Medieneinfluss

Mai 2011


Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik der Universität Mainz
Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik der Universität Mainz

Angst ist selektiv. Weltweit sterben weit mehr Menschen bei Verkehrsunfällen als bei Flugzeugabstürzen. Trotzdem haben die meisten mehr Angst vor Flugzeugabstürzen, weil dabei viele Menschen ums Leben kommen. Auslöser der Angst ist nicht die geringe Wahrscheinlichkeit, sondern das Katastrophenpotential von Unglücken und Unfällen - der kollektive Tod vieler Menschen. In den Augen der Bevölkerung sind deshalb Kriege, Flugzeugabstürze, Flutkatastrophen und Reaktorunfälle ähnliche Gefahren. Die weitgehende Vernachlässigung der Wahrscheinlichkeit von Todesursachen hat vermutlich stammesgeschichtliche Ursachen: Das Denken in Wahrscheinlichkeiten ist erst wenige hundert Jahre alt und hat die Masse der Bevölkerung bis heute nicht wirklich erreicht. Deshalb verbinden wir mit der relativen Häufigkeit der Nebenwirkung von Arzneimittel - etwa 1:1.000, 1:10.000 Fälle - keine realistische Vorstellung. Noch immer beurteilen wir die Größe von Gefahren durch die Verallgemeinerung von typisch und in diesem Sinn repräsentativ erscheinenden Beispielen, die im statistischen Sinn aber nicht repräsentativ sind, weil es sich um auffällige und entsprechend seltene Sonderfälle handelt.

In Deutschland sterben mehr Menschen bei häuslichen Unfällen als bei Verkehrsunfällen. Trotzdem gehen wir alle ohne Angst in Badezimmer und Küchen, nutzen Elektrogeräte und steigen Leitern hoch. Das ist riskant, weil dabei einige tödlich verunglücken, aber unausweichlich, weil es kein Leben ohne Risiko gibt, und das ahnen wir auch. Wir können aber nur handeln, wenn wir die latenten Risiken ausblenden und uns auf jene Gefahren konzentrieren, die uns aktuell bedrohen oder zu bedrohen scheinen. Heute sind dies vor allem jene Gefahren, über die die Medien intensiv berichten. Dadurch machen sie für einige Zeit Risiken bewusst, die wir bei anderen Gefahren ausblenden. So thematisieren die Medien mögliche Folgen eines Kamikaze-Angriffs auf ein Kernkraftwerk und rufen entsprechende Ängste hervor, wecken aber keine Ängste vor den Folgen eines solchen Angriffs auf eine Talsperre, obwohl sie ein leichteres Ziel wäre und obwohl bei einem Angriff auf die Möhnetalsperre 1943 mindestens 1.200 Menschen uns Leben kamen. Auch von Talsperren, Solaranlagen und Windrädern geht kein 0-Risiko aus, weil es kein 0-Risiko gibt. Aber Risikoangst hängt nicht von der Existenz von Risiken ab, sondern vom Bewusstsein davon. Deshalb ist der Hinweis auf die geringe Wahrscheinlichkeit von Unfällen in deutschen Kernkraftwerken problematisch. Sie bedient die falsche Erwartung, es gäbe ein 0-Risiko, ruft das sogenannte "Restrisiko" ins Bewusstsein und vergrößert dadurch die Angst statt sie zu verringern.

Genau genommen berichten die Medien nicht über Risiken. Sie stellen tatsächliche und mögliche Schadensfälle dar. Für eine Beurteilung der von ihnen ausgehenden Risiken fehlen dagegen in fast allen Beiträgen jene Informationen, die man zu einer Risikoeinschätzung braucht - darunter die Zahlen der theoretisch und der tatsächlich betroffenen Personen. Die Berichterstattung orientiert sich weniger an den realen Risiken des thematisierten Geschehens als an der Eigengesetzlichkeit der Medien. So berichten sie über einen Unfall mit 10 Toten umfangreicher als über 10 Unfälle mit einem Toten. Damit befriedigen sie das Interesse ihres Publikums und sichern ihre eigene Existenz. Niemand würde es interessieren, wenn sie jeden Tag über den Tod von allen Menschen berichten würden, die auf den Straßen und in den Haushalten einem Unfall zum Opfer fallen. Als Folge der verständlichen Konzentration der Medien auf seltene Extremfälle überschätzen die meisten Menschen die Risiken, die von solchen Todesursachen ausgehen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sie Einzelereignisse detailliert und mit Bildern illustriert darstellen: Je schwerer die geschilderten Folgen sind, desto mehr überschätzen die Leser, Hörer und Zuschauer die Zahl der Menschen, die solchen Unfällen zum Opfer fallen.

Die Berichterstattung der Medien orientiert sich an allgemein geltenden Nachrichtenwerten. Daneben schlägt sich in der Berichterstattung auch die Weltsicht der Journalisten nieder. Legt man ihre Parteipräferenzen zugrunde, dann lehnen die meisten deutschen Journalisten die Kernenergie ab. Dies führt zu einer Kombination von objektiven Ereignismerkmalen und subjektiven Sichtweisen, die die hiesige Berichterstattung prägt. Die Medien berichten hierzulande ungeachtet der geringen Wahrscheinlichkeit von Reaktorunfällen auch dann umfangreich darüber, wenn die Schäden minimal sind, weil sie ein großes Katastrophenpotential besitzen und weil jeder Schadensfall die Sichtweise der meisten Journalisten bestätigt. Ein Beispiel ist die Berichterstattung über einen kerntechnisch irrelevanten Brand im AKW Krümmel. Die Medien stellen hierzulande einzelne Reaktorunfälle unabhängig von ihren Besonderheiten als verallgemeinerbar dar. Ein Beispiel ist die Berichterstattung über die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Die Folgen sind offensichtlich: Weil die Medien in Deutschland intensiv, anschaulich und verallgemeinernd über solche Ereignisse berichten, löst ihre Berichterstattung hierzulande Angst aus und zwar unabhängig von den realen Gefahren der Kernenergie in der Umgebung der Leser, Hörer und Zuschauer.


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