Witalij Trutnew im Interview mit kernenergie.de über das weltweit erste schwimmende KKW

Januar 2019

Witalij Trutnew
Witalij Trutnew

Witalij Trutnew ist seit Juli 2017 Leiter der Direktion für Bau und Betrieb schwimmender Kernkraftwerke beim Konzern Rosenergoatom. Im Jahr 1984 absolvierte er sein Studium am Iwanowoer Institut für Energietechnik. Seine berufliche Laufbahn startete er im KKW Kalinin, wo er vom Elektro-Installateur zum stellvertretenden Chefingenieur Wartung aufstieg. 2012 wurde Witalij Trutnew zum Chefingenieur der Direktion des im Bau befindlichen Baltischen KKW, zwei Jahre später wurde er zum Direktionsleiter ernannt und bekleidete diesen Posten bis 2017.


Welchen Hintergrund hat das Projekt eines schwimmenden Kernkraftwerks und wozu wird die Akademik Lomonossow dienen?

Die sichere, umweltfreundliche und wirtschaftlich sinnvolle Strom- und Wärmeversorgung von klimatisch schwierigen und schwer zu erreichenden Gebieten ist das primäre Ziel der Akademik Lomonossow. Durch den Einsatz des schwimmenden KKWs werden pro Tag bis zu 200.000 Tonnen Kohle und 120.000 Tonnen Heizöl eingespart und der entsprechende Ausstoß von klimaschädlichen Gasen wird verhindert. Der ungehinderte und kostengünstige Zugang zu Energie ermöglicht der ortsansässigen Bevölkerung in Pewek – dem Einsatzort der Akademik Lomonossow – eine positive soziale und wirtschaftliche Entwicklung und trägt erheblich zur Steigerung ihrer Lebensqualität bei.

Die block-modulare Komposition des schwimmenden KKWs oder SMRs, wenn Sie so wollen, mit integrierter Spaltzone, Dampferzeuger, Druckhalter sowie sonstiger Ausrüstung ermöglicht eine Fabrikherstellung der Anlage. Auch der Rückbau der Anlage erfolgt in einer spezialisierten Fabrik, wodurch der Zustand der „Grünen Wiese“ vor Ort bereits durch den Abtransport der Anlage erreicht wird.

Akademik Lomonossow 
Akademik Lomonossow

Was können Sie uns zur Technik der Reaktoren und des Schiffes sagen, worauf beruht die Entwicklung des Reaktorschiffs?

Die schwimmende Anlage ist mit zwei Reaktoren vom Eisbrecher-Typ KLT-40S je 35 MW stark ausgestattet – zusammen sind sie in der Lage, bis zu 70 MW Strom und 50 Gcal/h Wärme im Nennbetrieb zu erzeugen – genug, um eine Stadt mit 100.000 Einwohnern zu versorgen. Die dazugehörige Infrastruktur, einschließlich eines Gebäudekomplexes, hydraulischer Strukturen und einer Küstenplattform stellen einen sicheren Hafenaufenthalt des Energieblocks und die Stromübertragung an die Küste sicher.

Die Entwicklung des schwimmenden KKW beruht auf der bewährten Referenztechnologie der Schiffreaktoren mit einer langen und erfolgreichen Betriebsgeschichte der Atomeisbrecher Tajmyr und Wajgatsch sowie des LASH-Leichters Sewmorput. Die passiven und aktiven Sicherheitssysteme auf dem schwimmenden Energieblock bieten einen mehrschichtigen, absoluten Schutz der Umwelt vor den schwersten hypothetischen Störfällen. Der Schiffsrumpf ist so konzipiert, um einer Kollision mit einem Eisberg oder mit einem anderen Schiff standzuhalten. Der Schiffskörper und die lasttragenden Strukturen des Aufbaus bestehen aus Stahl, der auch bei niedrigen Temperaturen sprödbruchbeständig ist. Die Räume des Reaktorblocks sind mit einem doppelwandigen Körper isoliert und die Reaktoranlagen sind mit speziellen biologischen Barrieren ausgestattet.

Wo in Russland oder in der Welt sehen Sie weitere Anwendungsmöglichkeiten für Reaktorschiffe? Könnte die Akademik Lomonossow einen Weltmarkt für schwimmende Kernkraftwerke begründen?

Derzeit haben eine Reihe von Ländern im Nahen Osten und in Südostasien Interesse an der innovativen russischen Entwicklung gezeigt.

Heute sind bereits Arbeiten an der zweiten Generation von schwimmenden KKWs im Gange – einem optimierten schwimmenden Energieblock, der kleiner als seine Vorgängerversion sein wird. Er soll mit zwei Reaktoren des Typs RITM-200M mit einer Leistung von je 50 MW ausgestattet werden. Gerade diese Variante des schwimmenden Blocks wird für den Export angeboten.

Wenn Ihnen diese Seite gefallen hat, empfehlen Sie uns doch weiter: